Schulen beteiligt

Gedenkfeier zum 80. Jahrestag der kampflosen Übergabe

Dr. Paul Rosenbaum und Rudolf Dunker war es am Osterwochenende 1945 zu verdanken, dass Beckum kurz vor dem geplanten Angriff durch amerikanische Truppen ohne jedwede Kampfhandlungen an die anrückende Übermacht übergeben werden konnte. Und das, obwohl die Gauleitung die Verteidigung „bis zum letzten Mann“ befohlen hatte.

2 Schülerinnen
Hannah Jasper und Madita Teichrib, Schülerinnen der 4. Klasse, tragen in verteilten Rollen aus der Korrespondenz von Dr. Rosenbaum und Major Dunker vor.
Bürgermeister auf der Bühne
Bürgermeister Michael Gerdhenrich zeichnete in seiner Rede die Ereignisse nach und hielt ein Plädoyer für eine positive Zukunftserzählung.

Vor der kampflosen Übergabe hat sich die Lage dramatisch zugespitzt, wie aus Telefonanten zwischen den beiden Kommandanten in Ahlen und Beckum anschaulich hervorgeht. Dr. Rosenbaum hat intensiv auf Dunker eingeredet, der schließlich nachgibt. Bei der Gedenkfeier, an der viele Kinder teilnahmen, trugen zwei Schülerinnen der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule Auszüge aus der erhaltenen Korrespondenz der beiden vor.

Der 28-jährige Rudolf Dunker hatte den Befehl der Gauleitung, Beckum „bis zum letzten Mann“ zu verteidigen. So begann er am Karfreitag, den 30. März 1945, den Widerstand gegen die alliierten Streitkräfte, die sich ganz in der Nähe befanden, vorzubereiten. Am Karsamstag nahmen die Amerikaner die Stadt Ahlen friedlich ein und bauten ihre Panzerfahrzeuge und Artilleriegeschütze am Ostrand Beckums auf, um am Ostersonntag nach Beckum vorzustoßen.

An diesem Abend fällte er entgegen seiner ursprünglichen Absichten die folgenschwere Entscheidung, den soldatischen Gehorsam zu verweigern und angesichts der aussichtslosen Lage die Stadt Beckum kampflos zu übergeben. Damit verhinderte er die Zerstörung Beckums und den Tod unzähliger Menschen. Zu diesem Zeitpunkt hielten sich rund 15 000 Menschen in der Stadt auf. Diese Entscheidung ist umso höher zu werten, da ihm klar war, dass er für sein Handeln hätte zum Tod verurteilt werden können.

Und was war zuvor in Ahlen und zwischen den beiden Kommandanten passiert? Der in Ahlen ansässige 50-jährige Oberfeldarzt Dr. Paul Rosenbaum unternahm in der Nachbarstadt eine tollkühne Rettungsaktion und überzeugte kurz darauf Major Dunker in Beckum, es ihm gleich zu tun. Rosenbaum fuhr an Karsamstag mit der weißen Fahne des Roten Kreuzes den Amerikanern entgegen, die ihren Gefechtsstand an der Walstedder Mühle eingerichtet hatten. Es kam zu Verhandlungen mit den Alliierten und im Anschluss zur Überzeugungsarbeit mit dem Beckumer Befehlshaber in langwierigen Telefonaten. Rosenbaum schilderte darin die ausweglose Lage im umringten Beckum, das kurz davorstand, „aus allen Rohren“ beschossen zu werden, wie es heißt. Er warnt den Beckumer vor dem sicheren Untergang der Zivilbevölkerung, aus einer, wie er schreibt „ethischen und moralischen Verpflichtung heraus“. Und Dunker trifft schließlich den nach eigener Aussage „schwerste(n) Entschluss seines Lebens“.

Beckum ist somit von Bombenhagel und Beschuss verschont geblieben. Bei der Gedenkfeier vor dem historischen Rathaus unterstrich Bürgermeister Michael Gerdhenrich:

Der 1. April 1945 ist uns auch heute noch Mahnung gegen Krieg, Gräueltaten, Leid und Zerstörung. Er steht, zumindest was diese konkrete Entscheidung der beiden Männer betrifft, für Menschlichkeit und gewissenhaftes Handeln. Es kommt manchmal eben genau darauf an, dass Einzelne Verantwortung übernehmen und den Mut haben, für Gewissensentscheidungen einzustehen.
Das ist heute leider wieder hochaktuell. In Zeiten von Fake-News, wo Fakten vielfach nicht mehr zählen, von Größenwahn und Machtgier à la Trump und Musk, dem Erstarken von Autokratien, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit oder dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Die Zeiten sind gerade sehr herausfordernd und wir tun gut daran, unsere freiheitlich-demokratischen Werte mit guten Argumenten und mit aller Kraft zu verteidigen und positive Perspektiven für unsere Zukunft zu erzählen und sie aktiv zu gestalten.“
Friedenstaube

Im Anschluss an die Vorträge und Musikstücke legten Schülerinnen und Schüler aus mehreren Beckumer Schulen eine Friedenstaube als Puzzle zusammen. Die einzelnen Stücke haben sie zuvor liebevoll gestaltet. Das Friedenssymbol soll dauerhaft in der Aula der Volkshochschule installiert werden.

Die Sängerin Pia Saatmann und der Keyboarder Maximilian Buchberger begleiteten die Veranstaltung musikalisch und gaben ihr einen stimmungsvollen Rahmen.

Sonderausstellung im Stadtmuseum

Auszüge aus der Korrespondenz zwischen Dr. Paul Rosenbaum und Rudolf Dunker sind ab heute und noch bis zum 25. April in einer Sonderausstellung im alten Klassenzimmer des Stadtmuseums nachzulesen. Zudem ist dort ein Dokumentarfilm der BBC zu sehen, der 1985 unter dem Namen „A little german town“ in Beckum gedreht wurde. Am Beispiel einer deutschen Kleinstadt sollten der Alltag und das Wesen des Nationalsozialismus gezeigt werden. Die Ausstellung ist zu den normalen Öffnungszeiten des Stadtmuseums zugänglich.
Stadtmuseum

Gedenkstele zur Zwangsarbeit übergeben

Gedenkstele

Bereits am Sonntag hatte der Heimat- und Geschichtsverein Beckum der Stadt Beckum eine von Paul Tönnißen entworfene Gedenkstele an der Weststraße überreicht, die an die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in unserer Stadt erinnert. Hier stand einst das wohl größte Lager. Insgesamt hat es in Beckum mehr als 1 200 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter gegeben sowie etwa 950 Kriegsgefangene, die hier ebenfalls Zwangsarbeit leisten mussten. Es wurden 29 Zwangsarbeiterlager in der gesamten Stadt ausgemacht.

Das Kunstwerk steht für unsere moralisch-ethische Verpflichtung, in Demut der Opfer zu gedenken, und es ist zugleich Mahnung für die Zukunft, es nie wieder zu Rassismus, Menschenverachtung und Ausbeutung kommen zu lassen. Die abgebildeten Worte ragen wie Stachel in den Himmel, unter dem alle Menschen gleich sind. Sie regen die Passantinnen und Passanten dazu an, sich mit dem Thema auseinander zu setzen", sagte Bürgermeister Michael Gerdhenrich bei der feierlichen Übergabe.

„Heute ist ein hoffnungsvoller Tag, denn wir setzen mit dieser Stele gemeinsam ein Zeichen gegen geschehenes Unrecht und gegen rechts!”, ergänzte er und richtete seinen Dank an alle Beteiligten.